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| Der Schriftsteller, Publizist, Regisseur und Musikkritiker Berndt W. Wessling (1935 - 2000) hat das Werden der multimedialen Komposition ULURU von Robert Bachmann seit Beginn der Einspielungen in London 1993 aufmerksam verfolgt. Die Musik dieses komplexen, nicht-linearen Werkes des Schweizer Komponisten führt, so Wessling, in eine Klangwelt voller Geheimnisse, Mystik, Leidenschaft und Erotik, die auf magische Weise Urzeit und entfernte Zukunft verbindet. "Musik" des Vor-Vorgestern und des Über-Übermorgen von Berndt W. Wessling Was ist ULURU? ULURU ist ein Berg in Zentral-Australien. ULURU ist ein Mythos. ULURU ist klanggewordene Philosophie. ULURU ist eine archetypische Klangformel: eine Evokation an den Berg, aber gleichzeitig auch eine Anrufung und Aufdeckung magischer Topoi im Existentialbewusstsein unserer Zeit. Eine Komposition, die ein Bekenntnis zu etwas Superiorem in unserem Dasein aufzeigt, das erkämpft sein will aus archetypischem "Urnebel" und futuristischem Dualismus. Wenn auch mit ganz anderen Methoden, so doch aus gleicher "Instinkthaftigkeit" schafft Robert Bachmann (wie Brahms in seiner "Vierten"!) in seiner "fraktalen Symphonie" harte, konkrete, starre und disharmonische Gegensätzlichkeiten, die gebunden werden durch herkömmliche Schemata, sei es, dass Bruckner, Brahms und Beethoven zitiert werden, um die Evokation begreifbar zu machen. So entstehen aus dem "Ur(ton)nebel", dem Riesencluster und der geballten Zwölftonreihe, mehrere sich auseinander schälende Hologramme, die sich konterkarieren, aber auch ergänzen können. Aus dem urtümlichen, evokativen Lichtweben entstehen Ton-Ringe, die vermittels verschiedenster Klangstile hörbar gemacht werden. Eine Musik voller Geheimnisse, Mystik, Leidenschaft und Erotik. Beschwörungsformeln werden erkennbar und Bannformeln archetypischer Provenienz. Entstanden ist ein Werk, in dem sakrale und lebensnahe Schwingungen aufgefangen werden, die sich im Laufe des klanglichen Beschwörungsvorganges immer wieder zu Konvulsionen zusammenziehen, um sich dann in sorgfältiger Gliederung wieder aufzufächern. Die Kompositionstechnik geht weit über das bekannte Mass der etablierten Neutöner hinaus. Die "fraktale" Aufmischung unterstützt die rudimentären, sich nicht selten robust entäussernden, gegensätzlichen Strukturen. Eine seltsame Mimikri schafft jeweils die Anpassung an die neue Variation, als öffne und verändere sich eine Korallenblüte in der Tiefsee ganz nach den unterschiedlichen Flutungen und Drainagen. Das Mythische an der ULURU-Komposition spiegelt sich in den polyphonen und exzentrisch-chromatischen Verschleierungen wieder. Der Eindruck von Trance, Bewegungstyrannei und von motorischer Besessenheit entsteht. Man sucht sich als Hörer seinen Weg durch diese Klänge und fühlt sich gleichzeitig infiziert und involviert. Man ist unmittelbar beteiligt an dem Suchen nach dem Superioren. Man ist religiös infiziert und verfällt in Verzückungsekstasen. Durch diese Musik überschreitet man die Grenze zu anderen, metaphysischen, transzendenten Welten. Der Satz von Brahms "Ich bin ein Gottsucher ohne dogmatisches Programm" möchte auch von Robert Bachmann im Hinblick auf ULURU gesagt sein. Robert Bachmann hat eine Klangwelt entwickelt, die sowohl in archetypischen Zeiten fusst, als auch im Futuristischen. Ur-Mythos und Zukunfts-Mythos sind weitgehend deckungsgleich. Es ist eine "Musik" des Vor-Vorgestern und des Über-Übermorgen. Die Evokation ULURU hat eine Conclusio, verbindet auf magische Weise Urzeit und entfernte Zukunft. ULURU fordert im Prinzip weniger Erklärungen als Erfahrungen. Man muss dieses Variationswerk in effigie aufnehmen. Man muss sich der Klangwelt stellen und wird - unweigerlich - von ihr eingefangen. Das ist keine Klangwelt, die man en passant konsumieren kann. Sie entzieht sich total den konservativen Hörgewohnheiten. Sie erfordert vom Hörer Mit-Kreativität. Man komponiert sozusagen mit, während man hört. |
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